Per Mertesacker: #newrules für Fußball und Arbeit

Per Mertesacker schilderte vor einigen Tagen seine Perspektive auf seine Arbeitswelt. Seine Erfahrungen in der Fußballwelt. Eine der ersten Reaktionen der Experten zur Fußballhauptsendezeit Samstagnachmittag? Unverständnis und Herabwürdigung. Diese Einschätzung erfolgte nicht etwa auf der Basis eines umfangreichen Kenntnisstands der Äußerungen von Mertesacker oder der Situation. Nein, anhand eines Satzes, frei aus dem Kontext gerissen, reingeworfen in die Runde, wird in wenigen Sekunden dieses Urteil gefällt und dann auch noch ohne Nachzudenken herausposaunt.
Die Schuld wird dem Einzelnen zugeschoben, das System bleibt heilig.
Hat ihn ja keiner gezwungen zu spielen. Übertragen in unseren (Arbeits-)Alltag: zwingt ihn ja niemand zu arbeiten. Was machen wir also mit all denjenigen, die das aktuelle System von Arbeit kaum ertragen? Den immer höher werdenden Krankentagen und Burnout Fällen? Ein gut gemeinter Rat der Experten: zwingt Euch ja keiner! Macht halt was anderes!
In einer Utopie mit ausreichendem (!!) Grundeinkommen mag das ja zu treffen, die Realität ist jedoch eine andere. Die Schuld (häufig wird dies mit Verantwortung bezeichnet, aber letztendlich ist es eine Schuldzuweisung. Du bist selber Schuld an Deiner Situation, zwingt Dich ja niemand unter diesen Umständen zu arbeiten.) liegt bei jedem Einzelnen. Das System ist – sowohl im Fußball als auch in der Wirtschaft – heilig. Was brauchen wir also? #NEWRULES ! Das System an sich muss verändert werden und deshalb wird New Work auch als heiliger Gral gehandelt. Denn New Work wird die Eigenschaft zugesprochen, das heilige System durch ein neues zu ersetzen. Was jedoch oft in den Überlegungen fehlt:
Sollte sich New Work durchsetzen, wird es ein System geben, dass es nicht gibt.
Denn der Ursprung von dem Arbeitssystem New Work ist das Individuum und seine freie Wahlmöglichkeit. Die einzige Regel: Jeder darf frei wählen. Was darf er/sie/es denn frei wählen? Alles! Die Art der Tätigkeit, den Inhalt der Tätigkeit und insbesondere: die Art und Weise, wie und ob Vorgaben erfolgen. Klingt für viele beängstigend. Für viele aber eben auch befreiend. Sollte sich New Work also wirklich radikal durchsetzen wird die Komplexität des Lebens extrem steigen. Wollen wir das wirklich anfangen? Und wie? Jeder bei sich selber. Indem er anerkennt, dass jeder Mensch individuelle Bedürfnisse hat. Es gibt keine Blaupause eines Systems, was für den Arbeitnehmer und Arbeitgeber perfekt ist. Durch die Vereinigung von Individuen bedarf es auch individueller Lösungen. Wenn also der eine Arbeitnehmer regelmäßige Anweisungen und strukturiertes Controlling braucht um mit seiner Arbeit glücklich zu werden? Soll er haben! Und die Kollegin im gleichen Büro möchte lieber grobe Richtungen vorgegeben bekommen und sich ihren Weg selber zum Ziel erarbeiten? Soll sie haben! Denn das ist die hohe Kunst von New Work. Individuelle Arbeitsbedingungen schaffen und dem Einzelnen zugestehen. Zurück zum Anfang.
Was wäre also im Sinne von #newrules hilfreich in der beschriebenen Expertenrunde gewesen? Den Kontext erfragen und anzuerkennen, dass jeder Mensch ein Individuum ist. Und es sehr wohl sein kann, das jemand überspannte Erwartungshaltungen als enormen Druck empfindet. Das erfordert aber zwei entscheidende Eigenschaften: Reflexionsfähigkeit und Empathie.
Das Beste an der ganzen Geschichte? Dass Mertesacker ab nächste Saison im Jugendbereich tätig wird. Und hoffentlich daran arbeiten wird, dass neue Regeln im Fußball Einzug erhalten. Dass nämlich alle Spieler Menschen und somit individuell sind. Dass in Zukunft die Regeln des Systems die Freiheit des Individuums ermöglichen. Ein Hoch auf Per Mertesacker! Ein Hoch auf #newrules!

#newpay oder warum die Gleichstellung der norwegischen Nationalmannschaften gar nicht so toll ist

Anfang Oktober – also mit Beginn der Blogparade von co:x zu #newpay – verbreitete sich die Meldung, dass das Norwegische Frauennationalteam den gleichen Lohn für Länderspieleinsätze erhält wie die Männermannschaft. Alle feiern dies als Schritt in die richtige Richtung. Gleicher Lohn für gleiche Leistung ist feierwürdig. Die Art jedoch, wie dies in Norwegen zustande kam, eher fragwürdig. Denn vom Verband wurde nicht mehr Geld investiert, nein, das Männerteam hat Gehaltseinbußen in Kauf genommen und dem Frauenteam zur Verfügung gestellt. Der Arbeitgeber hat also selber nichts für die Gleichstellung getan, sondern das Männerteam hat (ggf. auf Anweisung) verzichtet. Soll so Gleichberechtigung und #newpay aussehen? Damit Männer und Frauen den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit erhalten, wird es den Männern weggenommen? Dann würden alle Befürchtungen der „Ihr-bösen-Feministinnen“ bestätigt werden. Letztendlich geht es aber bei New Work doch eher darum zu verstehen, dass die Größe des Kuchens nicht gleich bleibt, sondern durch die Einbindung aller der Kuchen weiter wächst und entsprechend mehr zu verteilen ist. Kommen wir zurück zum norwegischen Frauenteam. Warum zahlt der Verband nicht mehr Geld? Weil das Frauenteam nicht genug Werbeeinnahmen erzielt? Warum nimmt der Verband dann nicht den Ursprung des Problems in Angriff: Die Mannschaft in der Vermarktung nach vorne bringen! Ist es denn wirklich Gleichberechtigung, wenn das Frauenteam abhängig ist vom Männerteam? NEIN! Es geht darum, unabhängig und finanziell gleich gestellt zu sein. Genau das ist #newpay für mich. Was ich ebenfalls als Denkanstoß charmant finde: das „Gehalt“ der Fußballer_innen ist eine Entschädigungszahlung. Mein erster Gedanke war: stimmt, ich fühle mich manchmal auch mehr entschädigt für den normalen Arbeitsalltag als wirklich bezahlt für meine Leistung. Entschädigt für die Zeit, die ich nicht in der Sonne sitzen kann, entschädigt für die fehlenden Freiräume in meinen Entscheidungen, entschädigt für die politischen Geplänkel im Hinterzimmer. Allerdings steht das doch in einem krassen Gegensatz zur Gefühlswelt: für die Fußballerinnen gibt es nichts Größeres als Mitglied der Nationalmannschaft zu sein. Die Entlohnung dafür ist aber als Entschädigung angedacht. Dies spiegelt sich vermutlich insbesondere in der geringen Summe – verglichen mit den Gehältern im normalen Ligaalltag – wider. Und genauso geht es doch vielen Organisationsrebellen, New Workern, nebenberuflichen Kämpfern und Veränderern. Für uns ist es das Größte, die Zukunft der Arbeit neu zu denken und so viele wie möglich mitzunehmen in diese Zukunft. Sicherheit zu geben und Wege aufzuzeigen. Menschen zu befähigen, sich nicht vor der Zukunft zu verschließen. Das ist das Größte für uns! Und was bekommen wir dafür: selten eine Entschädigung, häufig ein Danke, manchmal ein müdes Lächeln. Genau das ist #newpay für mich nicht. Die Wertschätzung – insbesondere in monetärer Form, denn nur das Sicherheit auf der niedrigsten Ebene das Überleben– für die vielen Querdenker und Gestalter ist kaum vorhanden. Der Mehrwert des konstruktiven, kritischen Hinterfragens, was teilweise zur Vernichtung von Altem aber auch zur Schaffung etwas völlig Neuem führt, lässt sich schwer beziffern und ist ansatzweise immer erst nach der Veränderung messbar. Wie also den monetären Wert bestimmen? Ich hoffe, die Mitstreiter_innen der Blogparade #newpay finden darauf eine Antwort. Sonst bleibt uns nämlich nur: Entschädigung.